Bald ist Jugendweihe, aber vorher gibt es Tanzunterricht. Und der ist natürlich genau in der Gaststätte, wo meine Mama arbeitet.
Oben im großen Saal stehen wir uns in Reih und Glied gegenüber, auf der einen Seite die Jungs auf der anderen wir Mädels.
„So, meine Herren, wenn ihr die Dame um einen Tanz bittet, dann verbeugt ihr euch leicht vor ihr und sagt; darf ich bitten. Wenn sie einverstanden ist begleitet ihr sie auf die Tanzfläche und bevor ihr den Arm um sie legt, verneigt ihr euch noch einmal. Ihr dürft jetzt die Damen auffordern“, sagt die Tanzlehrerin.
Alle stehen da und kichern. Keiner traut sich als erster.
„Nur Mut meine Herren. Ich zähle bis drei und dann gehen alle zu einer Tanzpartnerin. Eins, zwei, drei.“
Joachim kommt auf mich zu, verbeugt sich und sagt: „Darf ich bitten.“
Er nimmt meine Hand, führt mich auf die Tanzfläche, legt seinen Arm um meine Taille und wir bewegen uns im Rhythmus der Musik. Er drückt mich fest an sich. Seine Berührung brennt sich durch den Kleiderstoff bis meine Haut. Es fühlt sich an, als würde sie zu glühen beginnen. Ich werde steif wie eine Gliederpuppe.
Aus dem Augenwinkel sehe ich meinen Vater hinten bei der Küche stehen. Er lehnt im Türrahmen wie ein Wächter und raucht.
„Was glaubt’n dein Vater, was wir machen?!“ fragt Joachim. „Das ist hier ein Tanzkurs! Da muss man sich doch mal umfassen.“ Er schielt zu den Rauchschwaden im Hintergrund.
„Mein Vater ist leider sehr streng“, flüstere ich.
„Na, das kannste laut sagen! Der sieht aus, als ob er mir gleich den Kopf abreißen will. Sei nicht böse. Du musst dir einen anderen Tänzer suchen. Tut mir echt leid, aber …“
„Mir auch“, murmel ich. „Mir auch.“
Ich komm mir vor wie eine Aussätzige. Kein Junge fordert mich mehr zum tanzen auf. Dafür darf ich mich jetzt mit der doofen Helga vergnügen. Die stinkt zehn Meilen gegen den Wind und hat schweißnasse Hände. Das ist einfach eklig! Danke Papa!
Abschlussball
Auf den Abschlussball habe ich mich schon die ganze Zeit gefreut, denn ich weiß, dass Papa Spätschicht hat. Also besteht keine Gefahr. Er kann mich nicht beobachten. Mama hat mir ein schönes Kleid gekauft. Ich fühle mich wie eine Prinzessin. Und jetzt ist alles so, wie ich es mir erträumt habe. Die Jungs haben auch mitbekommen, dass mein Vater nicht da ist und so brauche ich nicht mit der Stinkehelga tanzen. Nicht einen Tanz muss ich auslassen und jetzt ist mir heiß. Ich will an die frische Luft.
Wie eine Schauspielerin gehe, nein schreite ich die geschwungene Treppe hinunter. Ich bin glücklich und fühle mich frei. Unten steht Helge und blickt mir entgegen. Mir steigt das Blut zu Kopfe und ich würde am liebsten in der Erde versinken. Er tut so, als würde er meine Verlegenheit nicht bemerken. Lächelnd kommt er mir entgegen und sagt: „Mit mir hast du noch gar nicht getanzt.“
Und bevor ich irgendetwas erwidern kann, greift er meine Hand, zieht mich zu sich heran, legt seinen Arm um meine Taille und dreht mich zur Musik, die man von oben hören kann. Er kann so toll tanzen. Hoffentlich spürt er nicht, wie mein Herz klopft. Helge riecht gut. Ich lehne meinen Kopf an seine Schulter und genieße das Tanzen.
Plötzlich schiebt er mich von sich weg und sagt. „Danke für den Tanz.“
Die Musik hatte noch gar nicht aufgehört. Irritiert sehe ich ihn an. Er sieht an mir vorbei nach oben. Ich folge seinem Blick und sehe meinen Vater an der Treppe stehen. Helge verschwindet nach draußen. Ich könnte vor Verzweiflung heulen. Muss mein Vater mir immer alles versauen?

