Prolog

Sylvia steuert den Golf in ein kleines, verträumtes Dorf. Sie hält an und steigt aus.
“Warte hier, ich komme gleich zurück“, ruft sie und verschwindet in einem Tante Emma Laden.

Na super, dieses ich komme gleich zurück, kenne ich schon. Jetzt kann es sich nur noch um Stunden handeln! Wenn sie sich einbildet, dass ich bei der Affenhitze im Auto warte, dann kann sie das voll vergessen.  Ich steige aus und pralle gegen eine glühende Wand; die Luft flirrt vor Mittagshitze. Kein Laut ist zu hören.

Das Backsteinhaus, in dem sich der Laden befindet, ist vor lauter Efeu kaum zu sehen. An der linken Seite des Hauses rankt eine Clematis und verstreut ihre blauen Blüten zwischen den Efeublättern, als wolle sie das eintönige Grün mit ihrer Farbenpracht verzieren.
Von der Schönheit des Augenblicks milde gestimmt, lächle ich.
Aus dem Garten neben dem Haus dringen leise Geräusche. Ich gehe zum Zaun und blicke durch die Hecke. Vor einem Schuppen steht an einem großen Holztisch eine junge Frau mit einer langen weißen Plastikschürze und bearbeitet Filz. Sie schäumt Seife auf, lässt den Schaum auf die Wolle fallen. Sie arbeitet völlig konzentriert.

Plötzlich habe ich Mühe zu atmen. Mein Herz rast. Mein Mund ist ganz trocken. Unfähig mich zu rühren, starre ich auf die weiße Plastikschürze und die roten Hände, die die zarten Seifenblasen formen. Und dann nehme ich diesen Geruch wahr: Kernseife! Es riecht nach Kernseife, genau wie damals im Gefängnis.

Ich stehe neben der Eisentür mit dem Guckloch, starre auf die Wand, höre wie sich mit lautem Knirschen der Schlüssel im Schloss dreht und der Riegel beiseite geschoben wird.
Die Wärterin stößt mich in die Zelle, die aussieht wie eine Waschküche. Vier junge Frauen in Gefängniskleidung und weißen Igelit-Schürzen stehen mitten im Raum hinter einer Holzliege und starren mich an. Durch die schmutzigen vergitterten Fenster dringt schwach das Tageslicht. An der rechten Wand steht eine Bank, an der linken sind mehrere Duschen und ein Wasserhahn mit einem roten Schlauch.

“Schneider!“, wendet sich die Wärterin an die Älteste der Gefangenen. “Ich will, dass du dieses Flittchen untersuchst. Und vergiss nicht, das Miststück gründlich zu waschen. Gründlich, habe ich gesagt! Ich werde es kontrollieren.“
Die Tür knallt ins Schloss, der Riegel wird vorgeschoben. Neonlampen flammen auf, so grell, dass ich für einen Moment die Augen schließen muss. Die Frauen streifen sich rosa Gummihandschuhe über.
Eine der Frauen zischt mir zu: “Du hast gehört was sie gesagt hat. Zieh dich aus, du Flittchen!“
“Aber ich …“
“Halt‘s Maul! Mach, was ich dir gesagt habe, sonst helfen wir nach.“
Hilfesuchend sehe ich zu den anderen Frauen. Die starren mich hasserfüllt an. Schweigend ziehe ich mich bis auf die Unterwäsche aus.
“Alles!“, schnauzt die Schneider mich an.
Ich ziehe mein Unterhemd aus, lege den BH ab und streife den Schlüpfer runter.

Die Schneider grinst: “Und jetzt arbeiten wir mal schön den Zettel ab. Läuse, Krätze, Filzläuse. Setz dich auf die Liege.”
Ich tue was sie befiehlt.
“Los, Hände herzeigen! Finger spreizen!”
Ich gehorche.
“Jetzt die Armbeugen!“

Die anderen Frauen stehen daneben und beobachten das Geschehen. Ich sehe die Gehässigkeit in ihren Augen. Sie scheinen auf etwas zu warten.
Schneider reißt meinen Kopf nach hinten, nimmt einen Bleistift und teilt mein langes Haar. Strähne für Strähne.
“Keine Läuse“, stellt sie fest. “Leg dich hin! Mal sehen, ob das hübsche Püppchen Filzläuse hat. “
Sie drückt mich nach unten. Ich wehre mich. Die anderen stürzen sich auf mich und halten mich fest.
Wieder der Bleistift – jetzt in meinen Augenbrauen.

“Nichts. Macht ihre Arme hoch.“
Sie zerren meine Arme hoch. Ich schreie auf.
Der Stift piekt unter den Achseln. Ich zucke zusammen.
“Na, das gefällt dir, was? Jetzt gehen mal ein bisschen tiefer. Vielleicht haben sich bei dir die Filzläuse nach unten verkrochen.“
Höhnisches Gelächter antwortet ihr.
Ich beginne zu zittern. Mein ganzer Körper bebt. Ich habe Angst, dass ich auf die Liege pinkle. Ich beiße die Zähne zusammen.

Plötzlich verändert die Schneider ihr perverses Spiel. Fast sanft schwebt sie mit dem Stift über meine Haut, umkreist meine Brüste, gleitet über meinen Bauch immer tiefer. Mein Hals schnürt sich zusammen. Ich versuche hochzukommen, doch zwei Frauen halten meine Arme und die dritte liegt mit ihrem ganzen Gewicht auf meinen Beinen.
Ich stöhne.
Schneider seufzt: “Na, ich hab euch doch gesagt, dass das dieser Schlampe gefällt.“
Die anderen lachen.
Ich senke meinen Blick, beiße mir auf die Unterlippe.
“Los, mach die Beine breit“, sagt Schneider.
Ich hasse ihr feistes Gesicht, möchte ihr das dämliche Grinsen herausreißen.
“Lass mich in Ruhe“, röchele ich.
So gut es geht presse ich meine Schenkel zusammen.
“Hab dich nicht so! Ich weiß doch, dass du es willst …“, sagt sie. “Los, helft mir mal. Ich kann überhaupt nichts sehen. Ordentlich ziehen! Ja so …“
Die Frauen zerren meine Beine auseinander. Ich liege da, in diesem gleißenden Neonlicht. Schneider fährt mit ihren Nägeln über meine Schenkel. Schmerzhaft bohrt sich ihr Finger in meine Scheide.
“Vielleicht hat sie ja hier was versteckt.“
Erneutes Lachen. Ich kann die Blicke dieser Frauen nicht mehr ertragen, schließe meine Augen.

Ich spüre wie Schneider mit dem Stift langsam über meine Oberschenkel streift. “Na, ist das schön? Genießt du es?” Sie wühlt in meinen Schamhaaren.
“Seht mal hier! Ist das nicht eine Filzlaus? Nee, leider nicht.“
Sie schlägt mir mit dem Stift auf die Schenkel.
Oh Gott, lass mich sterben!
Schneider sagt: “Steh auf! Geh rüber zu den Duschen.“
Ich stehe auf und gehe mit zitternden Beinen los.
“Vergiss die Seife nicht“, ruft sie hinter mir her.
Ein Stück Kernseife fliegt an mir vorbei.
“Aufheben!”
Ich bücke mich, bekomme einen Tritt in den Hintern, knalle mit dem Kopf gegen die Wand, lande hart auf dem Boden. Lautes Gelächter dröhnt in meinen Ohren. In meinem Kopf dreht sich alles. Mühsam versuche ich aufzustehen.
“Oh, sie braucht unsere Hilfe. Die Kleine kann sich nicht alleine waschen. Sie fällt ja immer wieder hin. Da sollten wir doch diesem Dreckschwein helfen. Gib mir mal die Wurzelbürste. Der Dreck geht sonst nicht ab.“ Schneider lacht teuflisch. Sie geht zum Wasserhahn, greift sich den roten Schlauch und dreht voll auf. Eiskalt donnert das Wasser auf meinen Körper.

Ich kann nicht mehr. Das halte ich nicht aus. Das passiert nicht mir. Das passiert nur meinem Körper. Jetzt bloß nicht mehr denken, meine Kleine. Komm, hier ist meine Hand, komm weg von hier. Alles verschwindet im Nebel. Jetzt fühle ich nicht mehr, was mit mir geschieht.
Als ich wieder zu mir komme, liege ich nackt auf dem Fliesenboden. Ich bin allein. Das grelle Neonlicht leuchtet noch immer erbarmungslos. Ich versuche aufzustehen. Rote Striemen überziehen meinen Körper. Er ist glühend heiß. Es riecht nach Kernseife –

“He,” Sylvias Stimme holt mich zurück. “Ich habe uns Eis mitgebracht. Willst du Schoko oder Erdbeer?“
Sie steht mit zwei Eiswaffeln in der Hand vor mir und sieht mich besorgt an.
“Was ist los mit dir, Liebes? Stehst hier rum wie Lots Weib. Ist dir nicht gut?“ Ich greife zum Zaun, halte mich fest. Alles dreht sich. Langsam schüttle ich den Kopf.
“Nein … nein. Alles in Ordnung“, sage ich mit belegter Stimme. “Es ist nur diese – diese glühende Hitze…“