14. Jugendweihe

Heute ist der große Tag. Heute werde ich in den Kreis der Erwachsenen aufgenommen. Um es kurz zu sagen: Heute ist meine Jugendweihe.


Richtig feierlich muss es sein, hat meine Mama beschlossen und deshalb musste mir der Friseur meine schönen langen Haare abschneiden. Einen Berliner Rundschnitt hat er mir verpasst. Ich sehe total bekloppt aus. Und was ich anhabe! Einfach grässlich dieses Kleid. Aber den anderen Mädchen geht es auch nicht besser. Die Jungs haben Anzüge an und Schlipse um. Einfach lächerlich.
Die sehen alle aus, als wären sie aus Versehen in diese Sachen gesteckt worden.
Die Jugendweihe ist im Theater. Unsere Familien sitzen schon im Zuschauerraum und wir warten draußen an der Seitentür. Langsam werden wir unruhig.
Endlich erklingt ein Akkordeon. Der Direktor gibt uns ein Zeichen und während wir in den Saal marschieren, stehen Junge Pioniere mit weißem Hemd und blauem Halstuch auf der Bühne und singen:

„Fröhlich sein und singen, stolz das blaue Halstuch tragen
Andern Freude bringen, das geloben wir….“

Die Bühne ist mit Fahnen geschmückt. Vorn am Rand stehen Blumentöpfe mit grün-weiß gestreiftem Sachsengras. Auf einem großen Plakat steht geschrieben:

Sozialismus
das ist Freiheit
und höchstes Gut

Alle, die wir geweiht werden sollen, setzen uns in die erste Reihe. Ich bin ganz schön aufgeregt. Neben mir sitzt natürlich Uwe.
Ich rümpfe meine Nase. „Deine Mutter hat dich ganz schön eingedieselt. Du stinkst wie ein siebenstöckiges Freudenhaus.“
“Und du bist doof“, sagt er.
„Selber!“
Er stößt mich in die Seite.
„Du spinnst wohl“, zische ich und stoße zurück.
Endlich geht es los.
Der Direktor unserer Schule geht auf die Bühne und hält eine Rede von Frieden und Sozialismus. Das interessiert mich überhaupt nicht. Meine Strumpfhosen jucken wie irre und ich kann kaum still sitzen.
Als er fertig ist, gehen wir von links und rechts auf die Bühne. Ordentlich stehen wir in Reih und Glied.
„Jetzt kommen wir zum Gelöbnis“, sagt der Direktor. „Ich stelle euch einige Fragen und ihr antwortet dann immer mit: Ja, das geloben wir.“
Alle nicken, denn das haben wir ja hundertmal geübt.

„Liebe junge Freunde!
Seid Ihr bereit, für ein glückliches Leben der werktätigen Menschen und ihren Fortschritt in Wirtschaft, Wissenschaft und Kunst zu wirken?“

„Ja, das geloben wir!“

„Seid ihr bereit, für ein einheitliches, friedliebendes, demokratisches und unabhängiges Deutschland mit eurem ganzen Wissen und Können einzutreten?“

Ich sehe in der dritten Reihe meine Schwester sitzen. Sie grinst. Nächstes Jahr bist du dran, denke ich und grinse zurück.

„Ja, das geloben wir!“

Mein Vater sitzt neben ihr. Auch er grinst. Ja, er grinst! Er denkt sicher an heute Abend, wenn die Feier zu Ende ist und alle besoffen nach Hause gehen und er dann… Ich balle meine Hände zu Fäusten. Mir ist zum heulen zu Mute.

„Seid ihr bereit, im Geiste der Völkerfreundschaft zu leben und restlos eure Kräfte einzusetzen, um gemeinsam mit allen friedliebenden Menschen den Frieden zu verteidigen und zu sichern?“

„Ja, das geloben wir!“

Ich habe die vage Hoffnung, dass der Direktor jetzt endlich fertig ist.

Aber er quatscht weiter:
„Wir haben euer Gelöbnis vernommen, ihr habt euch ein hohes und edles Ziel gesetzt. Ihr habt euch eingereiht in die Millionenschar der Menschen, die für Frieden und Sozialismus arbeiten und kämpfen. Feierlich nehmen wir euch in die Gemeinschaft aller Werktätigen unserer Deutschen Demokratischen Republik auf und versprechen euch Unterstützung, Schutz und Hilfe.“
Er überreicht jedem eine Urkunde, das Buch „Weltall Erde Mensch“ und die Pioniere geben jedem von uns einen Strauß mit einer Nelke.
Endlich ist es zu Ende. Wir gehen nacheinander von der Bühne. Als ich mich hinsetzen will sagt Uwe: „Ja das geloben wir und heute trinken wir noch Bier.“ Er schubst mich so an, dass ich fast hinfalle.
„Entschuldigen Sie bitte“, sagt er grinsend.
„Du spinnst wohl!“, fauche ich ihn an.
„Sie“, sagt er.
„Was?“
„Sie! Du musst mich siezen. Ich bin jetzt erwachsen und in der Schule müssen uns die Lehrer ab morgen auch mit Sie anreden.“
„Das glaubst aber auch nur du, dass du erwachsen bist, du Zwerg.“
Auf der Bühne singen die Pioniere noch ein Lied und dann ist Schluss. Alle drängen zum Ausgang.
Meine Eltern und Geschwister stehen mit Oma vor dem Eingang und warten. Oma nimmt mich gleich mit Tränen in den Augen in den Arm und drückt mich. „Du bist so hübsch und es war so schön feierlich. Fast wie in der Kirche.“ Sie streicht mir liebevoll übers Haar.
Ich will nur noch nach Hause und mir die Strumpfhosen ausziehen. Aber erst müssen noch Fotos gemacht werden. Und es zieht sich alles in die Länge.
„Ich hab Hunger“, stöhnt meine Schwester.
„Na, dann lass uns nach Hause gehen“, sagt mein Vater. „Ich habe auch Hunger und Durst.“

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