„Haste gestern sehr viel Ärger bekommen?“ Doris schmeißt sich die Schulmappe über die Schulter und achtet wie immer auf die Striche zwischen den Steinen.
„War nicht so schlimm“, winke ich ab.
„Und was ist, kannste heute mit zu mir kommen?“
„Ja, heute gehts. Mein Vater hat Parteiversammlung. Der kommt nicht vor fünf nach Hause.“
„Wollen wir Bonbons machen?“
„Na klar!“
„Los komm!“
Wir fassen uns an die Hände und rennen los.
Hektisch reißt Doris die Eingangstür auf. Unsere Schulmappen fliegen hinter die Eingangstür und wir stürzen in die Küche. Doris holt Butter, Zucker, eine Pfanne und einen Holzlöffel. Sie schaltet den Herd an und lässt die Butter zergehen, dann gibt sie den Zucker rein und rührt fleißig.
„Ich freu mich auf die Bonbons“; sagt Doris. „Es riecht schon gut.“
Die Zuckermasse nimmt langsam Farbe an.
Es klingelt.
„Halt mal“, sagt Doris, gibt mir den Holzlöffel und geht zur Tür.
Automatisch halte ich meine linke Hand unter den Löffel um zu verhindern, dass etwas von der Zuckermasse auf den Boden tropft. Und dann schreie ich auf, schmeiße den Kochlöffel in die Spüle, drehe das kalte Wasser an und lasse es über meine verbrannte Hand laufen. Es tut tierisch weh. Auf meiner Handinnenfläche bildet sich eine große Blase. Ich hopse von einem Bein auf das andere.
Das Stimmengemurmel auf dem Flur verstummt und die Tür fällt ins Schloss. Doris kommt zurück in die Küche.
„Warum hast du so geschrien?“
Ich zeige ihr meine verbrannte Hand.
„Ach du liebe Güte“, sagt sie und pustet auf die Blase. „Du brauchst unbedingt Schokolade. Los komm mit in mein Zimmer. Meine Oma hat mir ein Paket geschickt und da ist sicher Schokolade drin.“
Doris nimmt meine Hand und zieht mich in ihr Zimmer.
Wir setzen uns auf das Bett. Sie reißt das Paket auf und lauter eingewickelte kleine Päckchen purzeln raus. So buntes Papier habe ich noch nie gesehen.
Doris zerrt ein Päckchen auf und ruft begeistert: „Schokolade! Hab ich dir doch gesagt.“ Sie reißt das Papier und die Folie runter. „Gusche auf“, sagt sie und steckt mir ein Stück in den Mund.
„Die meckt viel besser als die aus dem Konsum“, nuschel ich.
„Guck mal, hier ist auch die neue Bravo und was ist das?“
„Hinkepott und die Räuber!“, liest sie vor.
Ich nehme ihr das Buch in der Hand und kringel mich vor Lachen.
„Das muss ich unbedingt lesen. Ich habe noch nie ein Westbuch gelesen. Kann ich es zuerst haben?“
„Na klar“, sagt sie großzügig.
„Danke, danke!“, rufe ich und umarme sie stürmisch.
Plötzlich klingelt es Sturm. Ich zucke zusammen.
„Das ist mein Vater“, flüstere ich.
„Stell dich hierhin“, sagt Doris und zieht mich hinter die Kinderzimmertür.
Dann öffnet sie die Eingangstür.
„Wo ist Friederike?“ Die Stimme meines Vaters ist ungehalten.
„Friederike? Die ist nicht hier“, antwortet Doris.
Ich höre, wie er durch die Wohnung poltert und dann ins Kinderzimmer kommt. Ich glaube mein Herz bleibt stehen.
„Na gut“, sagt er zu Doris. „Wenn du sie siehst, dann sag ihr, dass sie auf dem schnellsten Weg nach Hause kommen soll.“
„Das mach ich“, sagt sie.
Ich will gerade aufatmen, als mein Vater plötzlich brüllt: „Was ist das? Wieso ist hier die Schulmappe von Friederike?“
Er kommt zurück ins Kinderzimmer, schaut unters Bett, dreht sich um und sieht mich hinter der Tür. Er packt mich an den Haaren, haut mir eine runter. Ich knalle mit dem Kopf gegen die Wand.
„Nimm deine Mappe und sieh zu, dass du nach Hause kommst.“
Er dreht sich zu Doris um, die ihn mit großen Augen anstarrt.
„Und du, du… Mit deinen Eltern rede ich noch.“
Er zerrt mich aus der aus der Wohnung, schubst mich die Treppe runter, stößt mich aus dem Haus und prügelt mich über die Straße. Vor dem Konsum steht eine lange Menschenschlange mit Einkaufsbeuteln, Milchkannen und Netzen. Die Leute starren zu uns rüber, aber keiner sagt etwas. Mein Vater zerrt mich über den Hof und über die nächste Straße nach Hause.

