Wir müssen jetzt nicht mehr regelmäßig zur Schule. Die mündlichen Prüfungen für den Abschluss der 10. Klasse haben begonnen. Heute habe ich keine Prüfung. Mit Doris, Petra und Joachim fahre ich an den Badesee.
Obwohl die Sonne scheint ist außer uns keiner hier am Strand. Wir stellen unsere Fahrräder am geschlossenen Imbiss in den Fahrradständer. Ich breite mit Petra die Decke aus, während sich Doris und Joachim beim Laufen ausziehen und in den See stürzen.
“Los Friederike, komm mit!”, ruft Petra mir zu und rennt zum Wasser.
“Ich kann nicht. Da ist ein Marienkäfer auf meiner Hand”, erwidere ich.
“Du spinnst ja!”
Der kleine Käfer klettert meinen Arm hoch. Ich lege ihm meinen rechten Zeigefinger in den Weg und er krabbelt rauf. Dann halte ich den Finger hoch und singe:
“Mariechenkäfer fliege
der Vater ist im Kriege
Mutter ist in Pommerland
Pommerland ist abgebrannt
Mariechenkäfer fliege.”
Ich puste ihn an und er breitet die Flügel aus, erhebt sich in die Luft und fliegt davon.
Ich kann ihm nicht lange nachsehen, denn die Sonne blendet mich.
“Wo bleibst du denn? Komm endlich!”, schreit Petra.
So richtig Lust habe ich nicht, aber ich überwinde mich und renne zum Wasser.
“Du bist wahnsinnig Petra!”, brülle ich als das Wasser meine Füße umspült. “Es ist saukalt.”
Und genau so schnell, wie ich im See drin bin, bin ich wieder draußen.
Ich mache es mir auf der Decke gemütlich und spiele mit einem Grashalm. Die anderen toben im Wasser. Mit geschlossenen Augen genieße ich die Sonne. Aber plötzlich bekomme ich eine kalte Dusche ab. Ich springe auf und haue mit meinem Handtuch um mich.
“Ihr seid so gemein.”
Die drei lachen sich halb krank. Ihre Körper sind von dem kalten Wasser total rot. Sie legen sich auf die Decke und kuscheln sich in ihre Handtücher ein. Wir quatschen und lachen über die Witze von Joachim. Die wärmende Kraft der Sonne läßt nach. Wir ziehen uns an, packen unsere Sachen zusammen und gehen zum Imbiss.
“Das kann nicht wahr sein. Jemand hat das Fahrrad von Petra geklaut”, schreit Joachim.
Obwohl wir die ganze Umgebung absuchen, ist das Fahrrad nicht zu finden. Uns bleibt nichts anderes übrig, wir nehmen Petra abwechselnd auf dem Gepäckträger mit. Wir sind noch gar nicht weit gefahren, als hinter uns ein Martinshorn erklingt. Mit Blaulicht überholt uns ein Polizeiauto und schneidet uns den Weg ab. Zwei Polizisten steigen aus.
“Was soll das?”, fragt der eine, während er seine Mütze in den Nacken schiebt.
“Ihr wisst doch genau, dass es verboten ist jemand auf dem Gepäckträger zu transportieren”, sagt der andere.
Joachim versucht dem Polizisten den Diebstahl zu erklären. Doch der will nichts hören.
“Aber das Fahrrad…”, beginnt Doris.
Doch der Polizist schneidet ihr mit einer Handbewegung das Wort ab.
“Ihr werdet hiermit verwarnt und wenn wir euch noch mal erwischen, werdet ihr bestraft. Wir kontrollieren euch”, sagt er und fuchtelt mit seinem erhobenen Zeigefinger rum.
Dann dreht er sich um, steigt in das Polizeiauto, das sich gleich in Bewegung setzt.
“Transportieren! Wie blöd ist das denn. Sollen wir jetzt die Fahrräder schieben? Los Petra, steig auf. Ich transportiere dich nach Hause.”, sagt Joachim lachend.
Gerade als wir weiterfahren wollen sehe ich in der Ferne ein Auto auf uns zu kommen.
“Warte Joachim! Vielleicht kommen die zurück. Zutrauen würde ich denen das.”
Und tatsächlich. Das Polizeiauto fährt langsam an uns vorbei und die Bullen blicken grinsend aus dem Fenster. Kurz hinter uns wenden sie. Ständig fahren die Polizisten hin und her. Uns bleibt nichts weiter übrig, als die Fahrräder zu schieben.
Wir laufen die ganze Strecke.
“Hoffentlich ist mein Vater noch nicht zu Hause.”
“Es ist doch noch hell, Friederike”, sagt Joachim. “Du wirst schon keinen Ärger bekommen, wenn du deinem Vater alles erklärst.”
Mein Herz klopft wie wild, als ich die Wohnungstür aufschließe.
“Na kommt das gnädige Fräulein endlich nach Hause?” Mein Vater steht vor mir und sieht mich wütend an.
“Es tut mir Leid. Wir mussten das Fahrrad schieben. Die Polizei…”
“Was interessiert mich die Polizei. Du hast um 19.00 Uhr zu Hause zu sein und wie spät ist es jetzt?”
“Ich weiß nicht.”
“Es ist 19:30 Uhr.”
“Ich kann aber nichts dafür. Die Polizei…”
“19.00 Uhr heißt nicht 19.30 Uhr.”
Er holt aus und schlägt mir ins Gesicht.
“Vierzehn Tage Stubenarrest! Du bleibst jetzt jeden Nachmittag zu Hause. Da hast du Zeit darüber nachzudenken.”
“Aber, das geht nicht. Ich habe doch Nachmittags auch Prüfungen.”
Mir schießen Tränen in die Augen.
“Daran hättest du vorher denken sollen”, sagt er, dreht sich um und geht in das Wohnzimmer.
*
Ich liege zusammengerollt im Bett. Mein Kopf ist ganz durcheinander. Wie soll ich bloß in der Schule erklären, dass ich nicht zu den Prüfungen komme. Ich kann doch nicht sagen, dass ich Stubenarrest habe. Meine Schwester schnarcht leise.

