Die ganze Nacht habe ich kein Auge zugemacht. Als der Morgen dämmert stehe ich leise auf, gehe in die Küche, nehme mir einen Kanten Brot, ein Stück harte Wurst und ein kleines Messer. Vorsichtig öffne ich die Wohnungstür, laufe die Treppen runter in den Keller, hole mein Fahrrad und fahre los. Zwar weiß ich nicht, wohin. Aber das ist auch egal. Ich will nur weg, ganz weit weg.
Ich fahre den ganzen Tag, immer der Nase nach. Gegen Abend komme ich in eine kleine Stadt.
Es wird langsam dunkel. Ich muß mir einen Platz zum schlafen suchen. Gleich hinter dem Ortseingang ist ein Friedhof. Ich weiß, dass Menschen nachts nicht auf einen Friedhof gehen. Aber ich habe keine Angst. Oft genug habe ich abends die Freundin meiner Oma über den Friedhof ins Altersheim begleitet. Auf dem Rückweg habe ich mir immer viel Zeit gelassen. Ich fühlte mich immer gut und sicher dort und ich brauchte nie Angst haben. Ob Oma schon weiß, dass ich weg gelaufen bin?
Der breite Friedhofsweg ist frisch geharkt. Nur wenige Fußspuren sind zu erkennen. Die Gräber sehen gepflegt aus. Müssen sie auch – würde Oma jetzt sagen, sonst tratschen die Leute. Hier ist kein Mensch zu sehen. Die sind sicher alle zu Hause und essen Abendbrot. Mein Fahrrad stelle ich an der Kirchhofsmauer ab.
Links hinter einer niedrigen Hecke ist eine Kapelle mit einem Kreuz über der breiten Tür. Ich versuche sie zu öffnen, drücke die große Klinke runter und ziehe. Ein lautes knarren und schon bin ich drin.
Hier ist der gleiche Geruch wie in Omas Kirche und in der Dämmerung sehe ich ihn vorn am Kreuz hängen. Fast nackt hängt Jesus dort mit all diesen schrecklichen Nägeln. Es sieht aus, als ob er auf mich runter schaut.
Vorn, an der rechten Seite steht ein kleines Klavier. Ich setze mich auf den Stuhl davor, öffne die Klappe und drücke auf die Tasten. Es kommt kein Ton raus. Ich drehe an den Knöpfen – immer noch kein Ton. Ich drehe und ziehe an den Knöpfen, trete unten kräftig auf die Pedale und drücke wieder die Tasten. Laute schaurige Töne erschallen in dem geheiligten Raum. Es hört sich grauenvoll an. Doch ich bin irgendwie froh, endlich einen Ton zu hören. Den ganzen Tag habe ich kein Wort mit einem Menschen gesprochen. Und Jesus da vorn wird sicher auch nicht mit mir reden. Was soll er auch zu mir sagen? Ich spiele lieber noch ein bisschen gruselige Musik. Jesus wird schon nicht beschweren. Es wird immer dunkler. Bevor es ganz finster ist gehe ich lieber noch mal schnell in den Busch.
Ich öffne die Tür und zucke zusammen. Ein paar Meter vor mir steht ein alter Mann. Als ob er einen Geist sieht, starrt er mich mit weit aufgerissenen Augen an. Plötzlich dreht er sich um und rennt, als wäre der Teufel hinter ihm her. Ich kann mich vor lachen kaum halten. Als er nicht mehr zu sehen ist, gehe ich auf die Wiese hinter dem Friedhof. Mit dem Arm voller Blumen komme ich zurück in die Kapelle. Ehrfurchtsvoll, weil Jesus ja für die Menschen gestorben war, schmücke ich den Altar.
Er tut mir leid, wie er da hängt. Denn eigentlich ist er genauso einsam wie ich. Schade, dass wir nicht miteinander reden können.
Ich esse etwas Brot und Wurst, dann schiebe ich zwei Bänke zusammen, stapel alle Sitzkissen die ich finden kann darauf und lege mich hin. Ich muß ganz dolle an Oma denken und heule wie ein Schlosshund. Als ich klein war hat sie abends immer an meinem Bett für mich gesungen.
“Breit aus die Flügel beide oh Jesus meine Freude und nimm dein Küklein ein. Will Satan mich verschlingen, so laß die Englein singen, dies Kind soll unverletzet sein.”
Jesus hat gar keine Flügel. Ist auch egal. Ach Oma, wäre ich nur zu dir gefahren.
Völlig durchgefroren wache ich am nächsten Morgen auf. Ich esse das restliche Brot und die Wurst und danke Jesus, dass er die Nacht über mich gewacht hat. An der Wasserleitung, wo die vielen Gießkannen an einem Gitterzaun hängen, wasche ich mich und trinke das kalte Wasser aus der hohlen Hand.Ich mache mich wieder auf den Weg und fahre durch das kleine Städtchen. So früh am Morgen ist kaum jemand zu sehen. Nur beim Bäckerladen steht eine Menschenschlange. Der Duft nach frischen Brötchen zieht die ganze Straße lang. Schade, dass ich kein Geld habe. Am Ortsausgang steht auf einem Schild, dass die Straße nach Berlin führt. Endlich habe ich ein Ziel. In so einer großen Stadt werde ich nicht auffallen. Vielleicht kann ich Arbeit finden. Ich glaube ich sehe älter aus als 16 Jahre.

