Heute ist Silvester und ich darf etwas länger draußen bleiben, was man ja auch mit 15 Jahren erwarten kann.
Mama ist schon zur Arbeit gegangen und meine Geschwister spielen mit ihren Freunden.
Draußen ist’s kalt. Deshalb habe ich mich mit Doris, Joachim, Helga und Petra bei mir im Keller getroffen. Wir erzählen und die Jungs rauchen. Plötzlich höre ich, wie jemand die Treppe runterkommt. Natürlich ist es mein Vater. Die anderen klettern schnell aus dem Fenster, nur ich stehe allein da, mitten in dem verqualmten Keller. Auf der Erde liegen die Kippen. Ich habe mörderische Angst und mache mich schon auf eine Tracht Prügel gefasst. Doch Papa sieht sich nur um und bleibt völlig ruhig .
„Komm mit hoch!“, sagt er.
Mit zitternden Knien folge ich ihm nach oben. Er schiebt mich ins Wohnzimmer.
„Setz dich, Friederike.“
Aus der Schachtel die auf dem Tisch liegt nimmt er eine Zigarette, zündet sie an und gibt sie mir.
„So, jetzt kannst du rauchen.“
„Ich kann doch gar nicht rauchen und ich will auch nicht.“
„Du rauchst jetzt.“ Der drohende Ton war nicht zu überhören.
Ich nehme die Zigarette, ziehe daran und puste den Rauch gleich wieder aus.
„Schluck den Rauch runter!“, befiehlt er.
Widerwillig tue ich es. Mir wird schwindlig. Ich drücke die Zigarette in den Aschenbecher und springe auf. Hustend und nach Luft ringend renne ich ins Bad und übergebe mich.
„Das soll dir eine Lehre sein“, sagt Papa als ich zurückkomme. „Ich hoffe, dass dir das Rauchen für immer vergangen ist.“
„Ich habe doch noch nie geraucht. Was hab ich dir bloß getan? Dauernd mache ich alles falsch? Warum quälst du mich so? Warum bist du ihr immer so gemein zu mir?“
„Setz dich hin“, sagt er, gießt Bier in ein Glas, nimmt einen Schluck, zündet sich eine Zigarette an und dann erzählt er.
Ich höre die Worte und kann es kaum begreifen. Mein Bruder ist nicht mein richtiger Bruder. Sein Vater ist ein russischer Offizier und als Mama von ihm schwanger war, musste er zurück nach Russland. Im ganzen Ort wurde sie als Russenhure beschimpft.
„Dein Bruder war gerade ein Jahr alt, als deine Mutter mit einer Freundin zum Tanzen ging. Dort lernte wir uns kennen. Wir tanzten die ganze Nacht. Dann gingen wir in den Park. Die warme Frühsommernacht, der Vollmond, der Duft des Flieders und die Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Ja und dann war sie mit dir schwanger. Du siehst also, dass du schuld bist, dass wir heiraten mussten.“
Wieso bin ich schuld? Irgendetwas ist falsch, an dem was Papa sagt, oder wie er es sagt. Ich kann es spüren, mir aber nicht erklären. Er raucht und trinkt und redet und redet. Seine Stimme klingt fast weinerlich. Er widert mich an.
Endlich sagt er: „Es ist gleich Mitternacht. Du kannst zu deinen Geschwistern rausgehen.“
Ich gehe nicht raus. Ich stelle mich im Kinderzimmer ans Fenster. Die kalte Winterluft kühlt mein Gesicht. Vom Feuerwerk bekomme ich kaum etwas mit.
Es ist schon fast ein Uhr, als meine Schwester ins Zimmer stürmt.
„Wo warst du denn? Du hast das Feuerwerk verpasst“, plappert sie aufgeregt.
„Mir ist nicht so gut. Ich gehe ins Bett“, sage ich und fange an mich auszuziehen.
Sie hört nicht auf zu quatschen. Ab und zu knallt es noch draußen und ein buntes Lich verirrt sich im Zimmer. Endlich wird es stiller. Ich liege im Bett und starre an die Decke und die Worte von Papa wirbeln durch meinen Kopf
„Du bist schuld“, hat er gesagt. „Nur weil deine Mutter mit dir schwanger war, musste ich sie heiraten.Und ich als Genosse musste für diese eine Nacht gerade stehen. Du bist der Grund, warum wir geheiratet haben. Das wird sie dir nie verzeihen. Sie liebt den Russen immer noch. Zu deinem Bruder darf ich nicht so streng sein, da sie mir sonst vorhält, dass ich ihn benachteilige, weil er nicht mein Kind ist. Und deine Schwester, na du weißt ja, wie sie sich durchsetzen kann. Also, du siehst, wir beide haben nur uns. Deshalb müssen wir zusammenhalten. Und wenn ich manchmal streng zu dir bin, musst du nur daran denken, was ich dir heute erzählt habe.“

