5. Ostersonntag

Es ist immer noch dunkel und Kathrin schläft, als ob heute nichts Besonderes wäre.

Kathrin bewegt sich nicht. Sie schnarcht etwas.
Ich kann nicht mehr schlafen, denn ich bin viel zu aufgeregt und überlege, wo der Osterhase wohl diesmal die Körbchen versteckt haben könnte. So ein Quatsch, mit elf Jahren glaubt doch keiner mehr an den Osterhasen! Aber immerhin, es könnte vielleicht doch …
Es sieht sicher lustig aus, wenn der Osterhase über die Wiese hoppelt und die Eier versteckt. Leider habe ich noch nie einen gesehen. Ich lausche auf den Atem meiner Schwester. Sie schläft immer noch ganz fest. Ich sitze im Bett, mache meine Zopfhalter raus und öffne mein Haar. Letztes Jahr hat uns mein kleiner Bruder Gero geweckt, aber dann hat er auf einmal Blut gepullert und dann ist er gestorben. Scheiß Leukämie. Er fehlt mir so. Seit er nicht mehr da ist, sind alle so komisch: Papa ist streng geworden und Mama geht immer arbeiten. Keiner lacht mehr richtig.
Der Morgen schimmert durch die Gardinen ins Kinderzimmer. Endlich erwachen Kathrin und Uwe. Nun hält uns nichts mehr in den Betten und das große Suchen beginnt.
Kathrin hat ihr Körbchen schneller gefunden als ich. Uwe ist am Verzweifeln. Er kann nichts finden. Ständig flucht er.
Mama steht in der Küche und kocht das Mittagessen. “Geht euch die Hände waschen!”, ruft sie.
Uwe ist fast am heulen. “Ich kann mich nicht waschen. Ich habe noch nichts gefunden!”
“Na, dann such weiter. Aber beeil dich. Ich muss noch kurz an die Nähmaschine und meine Schürze nähen.”
“Nähmaschine!”, schreit Uwe. “Da habe ich noch nicht nachgesehen!”
Er stürzt in das Schlafzimmer und kurze Zeit später kommt er wieder mit seinem Körbchen heraus.
“Mann, das war das schwerste Versteck, was ich je hatte.”
Er ist stolz wie Oskar.

Nach dem Mittagessen muss Mama zur Arbeit gehen, denn in der Gaststätte wird sie an Feiertagen gebraucht.
Wir gehen, wie jedes Jahr, mit Papa in die Berge zum Eiertrudeln. Jauchzend lassen wir die bunten Eier den Hügel hinunter kullern und jedes kaputte Ei wird mit Indianergeheul begrüßt. Als keines mehr ganz ist, machen wir uns auf den Weg zur Gaststätte auf dem Buckel. Es ist kalt aber die Sonne scheint.
Buckel wird der große Berg am Rande unserer Stadt genannt. Ich glaube, kaum einer kennt den richtigen Namen.
Heute sind viele Menschen unterwegs. Alle haben sich schick angezogen.
Als wir das Ausflugslokal betreten, spielt die Kapelle gerade das Lieblingslied von Mama: „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“.
Die Tanzfläche ist leer. Nur vor der Bühne, wo die Kapelle spielt, stehen einige Kinder.
Papa trifft seine Kumpels aus der Fabrik.
Wir Kinder verdrücken uns.
Auf dem Lagerplatz hinter der Gaststätte gibt es viele gute Verstecke. Am schönsten ist die alte Lore, mit der die Kohlen den Berg hochgezogen werden. Schade, dass die Lore nicht auf den Schienen steht. Es wäre toll, den Berg runter zu fahren. Aber es geht auch so. Wir klettern alle rein. Die Lore ist unsere Rakete, mit der wir um die Welt und um den Mond fliegen. Uwe ist der Pilot, Kathrin und ich sind Kosmonauten. Kathrin hat bald keine Lust mehr.
“Ich will Räuber und Prinzessin spielen”, sagt sie. “Die Lore ist meine Kutsche.”
“Ich nehme den Baum! Das ist mein Thron!”, rufe ich und zeige auf eine Kiefer, die so verbogen ist, dass man auf dem Stamm sitzen kann.
“Ich bin die Prinzessin und der Uwe ist mein Ritter. Er muss mich befreien”, sagt Kathi.
“Du hast aber keinen Thron.”
“Das war meine Idee! Deshalb bin ich die Prinzessin!”
“Du hast aber keine langen Haare und Locken.”
“Ach du hast doch bloß Locken, weil du dir immer über Nacht Zöpfe machst!” Kathi ist wütend. “Außerdem willst du nur angeben.”
“Na und! Du hast aber keinen Thron, und deshalb bin ich die Prinzessin”, sage ich trotzig.
“Immer willst du die Prinzessin sein. Ich sage Papa, dass du mich ärgerst. Dann kriegste Kloppe.”
Kathrin dreht sich um und will gehen; Uwe hält sie zurück.
“Du bist Prinzessin”, sagt er zu ihr und blickt mich flehend an.
“Na gut. Von mir aus!”
Ich bin wütend, als sie sich auf meinen Thron setzt und anfängt, Befehle zu erteilen. Aber ich habe keine Lust auf Ärger.
Eine Weile spiele ich mit, dann sage ich, dass ich Durst habe. Deswegen gehen wir rein in die Gaststätte.
Papa hat mit seinen Kumpels schon ein paar Biere getrunken. Er ist ganz rot im Gesicht und das ist gut, denn dann gibt er uns immer Geld. Wir holen uns Brause und Süßigkeiten und setzen uns vor der Bühne auf die Tanzfläche zu den anderen Kindern.
Aber als die Kapelle: “Oh, mein Papa …“ spielt springen wir auf. Mit strahlenden Augen stehen wir drei vor der Bühne und singen ganz laut mit.
„Oh, mein Papa war eine wunderbare Clown… Oh mein Papa war eine schöner Mann. Er machte haha und lachte haha…“
Papa blickt zu uns und lacht. Als das Lied aus ist kommt er rüber und gibt uns Geld.
“Holt euch ein Eis”, sagt er. “Das habt ihr euch verdient.”
“Wir haben den besten Papa der Welt!”, sagt Kathrin.
Uwe und ich nicken eifrig.
Es ist schon dunkel, als wir uns auf den Heimweg machen.
Abendbrot brauchen wir nicht. Wir sind satt von den Süßigkeiten.

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