15. GST-Lager

“FDJler stillgestanden! Ich begrüße euch mit dem Gruß der Freien Deutschen Jugend. Freundschaft!”, brüllt der Mann in Uniform.
“Freundschaft!”, schallt es zwischen den Baracken und Zelten.


“Rührt euch! Als Lagerleiter heiße ich euch hier im GST-Lager in Prerow auf dem Darß herzlich willkommen. GST heißt Gesellschaft für Sport und Technik und dafür stehen wir. Ihr seid aus der ganzen DDR hierher angereist, aber nicht um gemeinsam Urlaub zu machen. Sondern um dem Kampfaufruf des Zentralrates der FDJ vom 18. August 1961 Folge zu leisten. Der Kampfaufruf lautet: Das Vaterland ruft. Schützt die sozialistische Republik!”
Der Offizier holt tief Luft: “Wie ihr wisst, wird unser Staat von den Schergen aus dem kapitalistischen Ausland ständig bedroht. Wir wollen nicht unvorbereitet sein, falls es zu einem militärischen Angriff kommt. Es kann also passieren, dass wir uns eines Tages, vielleicht auch mit der Waffe, verteidigen müssen. Deshalb werdet ihr in den nächsten Wochen eine vormilitärische Ausbildung bekommen. Die Mädchen werden zum Sanitäter in erster Hilfe ausgebildet und die Jungen an der Waffe im Nahkampf.”
Unruhe macht sich unter den Jugendlichen breit. Aber der Lagerleiter redet endlos weiter von Frieden und Sozialismus. Es ist langweilig und keiner hört ihm richtig zu.
Endlich sagt er die erlösenden Worte: “Ihr könnt jetzt in eure Zelte gehen. Wir sehen uns dann Mittag in der Essensbaracke.”
Als wir vor unserem Zelt sitzen plappert Karin gleich los: “Ich finde es prima erste Hilfe zu lernen. Da kann ich einem süßen Jungen das Leben retten und der heiratet mich dann.”
“Du spinnst ja!”, ich bin total wütend. “Warum müssen wir Mädchen immer Sanitäter sein? Ich verstehe das nicht. Mich reizt dieser alberne Quatsch nicht. Ich habe keine Lust auf diese blöde Sanitätsausbildung. Ich will kämpfen lernen, wie ein Mann. Mädchen sein ist sowieso doof.”
“Du hast Recht”, sagt Doris. “Wir müssen mit den anderen reden. Wer weiß ob die wirklich den Sanitäterquatsch mitmachen wollen.”
Der größte Teil der Mädchen aus unserer Gruppe ist sofort von der Idee, richtig kämpfen zu lernen, begeistert. Die anderen überzeuge ich auch noch.
Und jetzt stehe ich vor Frau Krüger unserer Gruppenleiterin und verlange Gleichberechtigung.
„Wir wollen dieselbe Ausbildung machen wie die Jungs. Bei den Partisanen haben die Frauen auch wie Männer gekämpft.“
„Das finde ich prima von euch Friederike“, antwortet Frau Krüger. „Genau so verhält sich ein guter FDJler. Daran können sich die anderen ein Beispiel nehmen. Ich werde die Sache mit dem Lagerleiter besprechen. Jetzt aber ab zum Mittagessen.“
Die Kohlrübensuppe schmeckt eklig, aber der Vanillepudding ist große Klasse.
Ich bin noch nicht fertig mit essen, als Frau Krüger zu mir sagt: „Friederike du meldest dich nach dem Essen bei dem Genossenen Knaup in der Baracke vom Lagerleiter.“
Genosse Knaup sitzt hinter einem Schreibtisch. Er legt den Stift beiseite, mit dem er etwas in ein Buch geschrieben hat. Die Uniform der Kampftruppen, die er an hat, scheint etwas zu groß. Seine kurzen blonden Haare stehen ihm vom Kopf ab, wie die Stacheln eines Igels.
„Setz dich doch“, sagte er und zeigt auf den Stuhl ihm gegenüber. Seine graublauen Augen mustern mich während ich mich setze.
„Du bist also Friederike Pauls?“, fragt er.
Ich nicke.

„Ich möchte dich gern besser kennenlernen. Bist du damit einverstanden, wenn ich dir ein paar Fragen stelle?“
Ich nicke wieder.
Er nimmt das Buch in die Hand und blättert darin.
„Also gut“, sagt er und lächelt mich an. „Du bist jetzt 15 Jahre alt und kommst im September in die 10. Klasse. Ist das richtig?“
„Ja.“
Er macht sich Notizen. „Du bist in der FDJ.“
Ich nicke wieder.
„Hast du Geschwister?“
„Ja, einen älteren Bruder und eine jüngere Schwester.“
„Was arbeiten deine Eltern?“
„Meine Mutter ist Gaststättenleiterin und mein Vater Abteilungsleiter in der Fabrik.“
„Sind deine Eltern in der Partei?“
„Ja, mein Vater ist Parteisekretär.“
„Und was möchtest du werden, wenn du mit der Schule fertig bist?“
„Entweder Vermessungsfacharbeiter oder Gärtnerin.“
„Wolltest du nicht eine Ausbildung zum Baufacharbeiter mit Abitur machen?“
Ich sehe ihn erstaunt an. „Woher wissen Sie das?“
„Wir wissen so einiges“, lenkt er ab. „Zum Beispiel hast zu deiner Gruppenleiterin gesagt, dass du so kämpfen möchtest, wie die Partisanen. Also mit der Waffe. Das ist das doch richtig, oder?“
„Ja, Sanitätsausbildung hatte ich schon in der Schule.“
„Hast du vielleicht schon einmal darüber nachgedacht zur Armee zu gehen?“
Ich schüttle mit dem Kopf. „Auf so eine Idee bin ich noch nicht gekommen.“
„Bei der Armee gibt es gute Möglichkeiten etwas zu lernen. Denk mal darüber nach. Jetzt kannst du zurück zu deiner Truppe gehen. Und…“, er zögert, bevor er weiter spricht. „Ich möchte, dass du unser Gespräch für dich behältst. Ist das klar?“
Ich nicke und verlasse den Raum. Das war vielleicht ein merkwürdiges Gespräch. Woher wusste der, das ich Baufacharbeiter lernen wollte. Das hatten Doris und ich doch bloß gesagt, weil für einen Tag ein Ausflug in die Fabrik geplant war, für Schüler, die das lernen wollen und wir keine Lust hatten zur Schule zu gehen. Aber warum soll ich keinem etwas über das Gespräch erzählen? Das ist schon komisch.
Bei unserem Zelt setze ich mich zu den Mädchen an den langen Holztisch und schreibe die Pflichtkarte an meine Eltern; “Wetter schön. Essen gut. Viele Grüße Friederike.”
Ich bin beim letzten Wort angekommen, als mich von hinten jemand anstößt. Erschreckt fahre ich herum und schlage abwehrend zu. Hinter mir steht ein fremder Junge und grinst mir frech ins Gesicht.
“Übst du Nahkampftraining? Sei bloß vorsichtig. Ab morgen wird zurückgeschlagen.”
“Du hast wohl jetzt schon Angst?”, fauche ich ihn an.
„Na, du brauchst ja nicht gleich zu hauen, wenn man mal höflich anklopft.“
Der große schlaksige Junge blickt mich mit grauen Augen freundlich an.
„Tut mir leid. Es war ja nicht bös gemeint. Du hast mich nur so erschreckt.“
Ich sehe die Blicke meiner Freundinnen und habe das Gefühl, dass sie ein wenig neidisch sind. Na ja, er sieht schon ganz nett aus, mit seinen vom Wind zerzausten dunkelblonden Haaren und dann noch dieser fremde Dialekt. Mein Herz beginnt etwas schneller zu schlagen.
„Du kennst wohl nicht die Jugendgesetze?“, fragt er.
Ich schüttel den Kopf.
„Na, dann komm mal um vier zum Haupttor, dann erkläre ich sie dir.“
„Ich werde nicht kommen .“
„Ich werde dort auf dich warten“, lacht er und verschwindet mit seinen Freunden.
„Der sieht aber gut aus“, schwärmt Karin neidisch. „Gehst du nachher zum Tor?“
„Ich bin doch nicht blöd. Der kann lange warten.“
„Dann geh ich“, sagt sie.
Blöde Kuh. Was die sich einbildet.
„Du spinnst wohl. Der will mich treffen und nicht dich. Vielleicht überleg ich es mir ja noch“, sage ich und grinsend klebe ich eine Briefmarke auf meine Karte.
Eigentlich gehe ich nur vor, weil die anderen so neidisch sind.
Der Junge wartet schon am Tor.
„Übrigens Friederike, ich heiße Hans-Christian von Tarnowski. Alter polnischer Landadel. Leider verarmt.“
Er küsst meine Hand. Ich lache verlegen und lasse es zu, weil ich sehe, dass die Mädchen uns aus der Ferne beobachten. Aber ich tue so, als ob ich es nicht bemerke.
„Wollen wir an den Strand gehen?“ fragt er.
Ich nickte nur.
Wie selbstverständlich nimmt er meine Hand.
Unsicher stakse ich neben ihm her in Richtung Strandpromenade.
„Woher kennst du eigentlich meinen Namen?“
„Ich habe gelauscht.“
Unten am Strand sucht er Steine und läßt sie über das Wasser hopsen. Manchmal klappt es auch, dass der Stein zwei, dreimal auftrifft, ehe er versinkt.
Als ich frage, was es mit den Jugendgesetzen so auf sich hat, bleibt er stehen und dreht sich zu mir. Vorsichtig legt er seine Hände auf meine Arme und sieht mir tief in die Augen.
„Also, wenn ein Mädchen einen Jungen schlägt, hat der Junge das Recht, das Mädchen zu küssen“, sagt er, nimmt meinen Kopf in die Hände und küsst mich auf den Mund. Er tut es ganz zart. Seine Lippen sind weich und warm. Ich bin wie gelähmt. Meine Knie zittern. Nur einen kurzen Moment stehe ich so. Dann ist es als ob ich erwache. Ich drehe mich um und renne zurück ins Lager. Im Zelt verstecke ich mich unter der Bettdecke. Ich berühre meinen Mund, als wollte ich den Kuss festhalten. Mein Herz klopft wie verrückt.
Bis zum Abendessen habe ich mich langsam beruhigt. Als ich den Speisesaal betrete, steht er plötzlich vor mir. Mein Gesicht glüht und ich beginne zu zittern. Ohne ihn weiter anzusehen, versuche ich mich vorbei zu schlängeln. Er hält mich am Arm fest und zwingt mich, ihm in die Augen zu sehen.
„Warum bist du weggelaufen?“, fragt er. „Ich möchte dich heute Abend gern treffen. In einer halben Stunde bin ich vorne am Tor. Ich warte.“
„Das geht nicht. Wir haben Gruppenversammlung mit anschließendem Lagerfeuer.“
„Dann sehen wir uns morgen wieder. Ich melde mich“, sagt Christian und streicht mir übers Haar und das vor allen.
Die Jungs grinsten und die Mädchen guckten neidisch und ich wäre am liebsten in der Erde versunken.

„Aufstehen!“
Ich schrecke hoch. Einen Moment lang weiß ich nicht wo ich bin. Es ist stockdunkel im Zelt.
Das Gebrüll geht weiter: „Aufstehen und das ein bisschen schneller. In fünf Minuten steht ihr in voller Montur vor dem Zelt!“
Ich mache meine Taschenlampe an und sehe, wie eine dunkle Gestalt aus dem Zelt verschwindet. Auch die anderen Mädchen haben ihre Taschenlampen angemacht. Unter wütendem Gemurmel ziehen wir uns an und treffen uns vor dem Zelt. Draußen ist es schon etwas hell. Im ersten Morgengrauen glänzt alles, weil es in der Nacht geregnet hat..
Keiner weiß so richtig was wir machen sollen.
„In zweier Reihen antreten!“, brüllt der Uniformierte.
Wir versuchen uns zu ordnen. Das ist gar nicht so einfach, denn jeder möchte neben seiner Freundin stehen und macht das auch lautstark klar. Also geht das Geschrei weiter.
„Ruhe im Glied!“, dröhnt die Stimme.
„Ich hab gar kein Glied“, flüstert mir Doris lachend zu.
„Stillgestanden! Die Augen geradeaus!“
Endlich stehen wir in Reih und Glied.
„Ich bin Offizier Strobel und euer Ausbilder“, sagt er. „Die nächsten Tage werde ich euch beibringen, wie ein Soldat kämpft. Hat irgendjemand eine Frage?“
Alle schütteln den Kopf.
„In Ordnung. Rechts um! Ohne Tritt marsch!“
Als wir aus dem Lager raus sind, kommt der nächste Befehl: „Abteilung halt!“ Stolpernd bleiben wir stehen.
„Ihr werdet jetzt bis zum Ausbildungsplatz im Gleichschritt marschieren. Also Stillgestanden! Im Gleichschritt marsch! Links zwo drei vier, links zwo drei vier!“
Wir marschieren durch den Wald bis zu einer Lichtung.
„Abteilung halt. Rührt euch!“
„Ihr werdet jetzt über die Lichtung robben. Immer zwei nebeneinander.“
„Aber da ist doch überall Modderpampe!“, sagt Karin und ist kurz vorm heulen.
„Oh das ist wirklich tragisch!“, grinst der Offizier. „Aber mach dir nichts draus. Es ist ja nur eine Übung. Wenn Krieg ist, dann wird der Wald selbstverständlich vorher gefegt und gewischt.“
„Vortreten!“, er zeigt auf Karin. „Runter auf den Boden und los!“
Karin robbt heulend los.
„Jetzt die anderen! Tempo!“
Wir legen uns auf den Boden und quälen uns durch den Morast. Es ist viel schwerer, als ich gedacht habe. Der Schlamm klebt am ganzen Körper und es ist einfach nur eklig.
Am Ende der Lichtung müssen wir noch zwanzig Liegestützen und zwanzig Kniebeugen machen. Karin ist nicht die einzige, die heult.
Ich habe das Gefühl, dass der Offizier Spaß daran hat uns zu schikanieren.
Verdreckt und völlig fertig kommen wir wieder im Lager an. Und natürlich steht Hans-Christian mit seinen Freunden vorn am Tor. Es ist mir total peinlich. Ich will mir das feuchte Haar aus dem Gesicht streichen und schmiere mir natürlich noch mehr Dreck ins Gesicht.
„Du siehst süß aus“, sagt er und lächelt mich an.
Ich kann mir gut vorstellen, wie süß ich aussehe. „Du spinnst ja“, sage ich, drehe mich um und renne zu den Waschräumen.
Ist es seine Sicherheit oder meine Neugierde?
Ich weiss es nicht, aber ich gehe zu der Verabredung. Wir gehen spazieren. Das machen wir jeden Tag, sobald sich die Möglichkeit ergibt. Wir setzen uns an den Strand und wenn wir uns küssen, ist es wie Kirschen klauen. Ich weiß, dass mein Vater sicher etwas dagegen hat. Die Zeit ist so schnell vergangen. Hans-Christian muss mit seiner Truppe als erster nach Hause fahren. Der Abschied tut so weh. Er lächelt mich an und versucht mich zu trösten.
„Wenn ich zu Hause bin, schicke ich dir einen weißen Teddybär“, sind seine letzten Worte. Er winkt mir noch einmal zu und steigt in den Bus. Die Tür schließt sich. Der Bus fährt los. Ich sehe ihm nach und weine bitterlich, weil ich ahne, dass wir uns nie wieder sehen werden. Thüringen ist so weit weg.
Jetzt ist schon über eine Woche seit meiner Heimkehr vergangen. Ich habe Hans-Christian schon drei Briefe geschrieben, aber von ihm ist bis jetzt keine Zeile gekommen. Vielleicht hat er mich ja vergessen.

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