11. Rotkohl

„Ich hasse Physik”, sagt Doris und schmeißt sich ihre Schulmappe über die Schulter. Sie läuft im Zickzack, um nicht auf die Lücken zwischen den Steinplatten zu treten.
„Ich kann Physik auch nicht leiden“, sage ich. „Der Kirchner ist echt blöd.“


„Da haste Recht. Sein Unterricht ist todlangweilig. Kommste noch mit zu mir Frieda?”
„Geht nicht, ich muss kochen. Mein Vater kommt um halb vier nach Hause. Wenn da das Essen nicht fertig ist, rastet er aus.”
Doris verzieht das Gesicht. „Nun haben wa schon mal früher Schluss, und du hast keine Zeit. Wieso musst du eigentlich kochen? Bei uns macht das meine Mama.”
„Ich muss das Essen doch nur vorbereiten. Kochen tut’s von alleine. Du kannst ja mit zu mir kommen.”
„Ich wollt dir aber was bei mir zeigen!”
„Dann zeigst du es mir eben morgen.”
„Ach weeßte de was?“, sagt Doris. „Ich renn schnell nach Hause, und dann komm ich zu dir.”
Sie flitzt los. Ich gehe nach oben, schmeiße meine Tasche ins Kinderzimmer, zieh‘ mir die Jacke aus. Nachdem ich mir die Hände gewaschen habe, schneide ich den Rotkohl.
Es klingelt.
„Das ging aber schnell“, sage ich und öffne die Tür.
Doris sieht auf das Messer in meiner Hand kreischt los: „Willste mir abmurksen?”
„Ach, Quatsch! Ich ermorde nur den Rotkohl. Komm rein.”
„Dauert dein Kochen noch lange?”
„Nein, ich bin gleich fertig. Wenn du willst, kannst du mir ja helfen.“
Ich drücke Doris einen Kochlöffel in die Hand. „Du kannst die Zwiebeln anbraten, während ich den Rotkohl schneide.”
Ich hole die Auflaufform aus dem Schrank, stelle sie auf den Gasherd, gebe ein Stück Schmalz rein und zünde ein Streichholz an.
„Da kannste doch keen Feuer drunter machen”, sagt Doris. „Das Ding ist ja aus Glas!”
„Doch kann ich.” Ich schalte den Gasherd an. „Das ist feuerfestes Glas aus Jena. Mama hat es letzte Woche gekauft. Eine Auflaufform, hat sie gesagt. Und teuer ist die. Papa hat gesagt, dass ich das Ding nehmen soll, weil die anderen Töpfe zu klein sind für den Rotkohl.”
„Na gut, wenn de meinst, dann woll‘n wir mal auflaufen”, sagt Doris und lacht. „Meene Mama sagt, ich bin mit dreizehn noch zu jung zum Kochen. Dabei macht mir‘s richtig Spaß.” Sie nimmt den Holzlöffel und rührt die Zwiebeln um.
„Mir macht Kochen auch Spaß. Aber manchmal würde ich viel lieber spielen.”
„Du, wir können doch spielen, wenn der Rotkohl kocht.”
Ich schütte den Rotkohl in die Form. Dann schneide ich einen Apfel in Stücke, gebe sie dazu und gieße noch etwas Wasser rein. Doris rührt eifrig. Das Wasser blubbert.
„Jetzt kannst du aufhören zu rühren”, sage ich, lege den Deckel auf die Form und stelle die Flamme ganz klein.
Doris lächelt. „So, jetzt haben wir ‘ne Stunde Zeit.”
„Das ist prima.”
Doris macht ein geheimnisvolles Gesicht und greift in ihre Tasche. Sie zieht eine bunte Zeitschrift heraus. „Meine Oma hat mir die Bravo hier mitgebracht. Nun rate mal, wer auf dem Umschlag ist!”
Sie hält die Bravo so, dass ich nur die Rückseite sehen kann.
„Keine Ahnung.”
„Dein Schwarm ist es.“ Doris grinst über das ganze Gesicht und zeigt mir das Titelbild.
Ich hole tief Luft. „Das ist doch nicht wahr. Ist das …”
„Ja, das ist Horst Buchholz.”
„Oh mein Gott! Er ist so süß! Ach, ich würde gern mal einen Film mit ihm sehen.”
„Das kann‘ste vergessen. Westfilme wird es hier nie geben. Aber dafür ham wir ja Manfred Krug.”
„Der ist mir zu alt.”
„Horst Buchholz ist auch nich gerade jung.”
„Aber der sieht viel besser aus. Sind denn noch mehr Bilder von ihm drin?”
„Na klar, hier ist‘n ganzer Artikel.”
Wir sehen uns die Bilder an.
„Ach, du hast es gut”, sage ich zu Doris. “Du darfst immer so tolle Sachen haben. Mein Vater verbietet mir alles, was aus dem Westen kommt. Weil er Parteisekretär ist, gibt es bei uns auch kein Westfernsehen.”
Wir setzen uns auf mein Bett. Doris nimmt mich in den Arm.
„Sei nicht traurig”, sagt sie. „Ich teile alles mit dir, was ich aus dem Westen kriege.”
„Es ist ja nicht nur das Zeug aus dem Westen. Ich bin manchmal traurig, weil ich so große Sehnsucht nach Gero habe. Er hat mich immer zum Lachen gebracht. Wenn ich traurig war, hat er Faxen gemacht. Und dann hat er gesagt, dass er Clown werden will, damit alle Leute lachen können. Er fehlt mir so. Warum kann ich nicht auch tot sein? Dann wäre ich mit ihm zusammen.”
Doris sieht mich ernst an. „Woll‘n wir ihn auf‘m Friedhof besuchen?”
„Geht nicht. Ich hab kein Geld für den Bus.”
„Aber ich.“ Doris greift nach meiner Hand. „Los, komm!”
Ich kann gerade noch den Schlüssel vom Haken reißen, und schon zerrt Doris mich aus der Wohnung, die Treppe runter. Vor dem Haus klaut sie eine Rose aus der Anlage.
„Der Bus kommt!”, rufe ich, und wir rennen los.
„Na, das war knapp“, sagt Doris, schnappt nach Luft und lässt sich auf einen Sitz fallen.

Der Friedhof ist gottverlassen. An der Wasserstelle hängen lauter Gießkannen an einem Gitter. Die meisten sind mit einem Fahrradschloss gesichert. Wir nehmen uns eine von den ungesicherten, füllen sie mit Wasser und gießen die Pflanzen auf dem Grab meines Bruders. Dann ist die Kanne leer. Hinter dem Grabstein liegt eine Vase. Während Doris Wasser für die geklaute Blume holt, setze ich mich ans Grab, streichel über die steinerne Umrandung. Ich winkle meine Beine an, umarme die Knie und lege meinen Kopf darauf. Leise rede ich mit Gero. Tränen rinnen über mein Gesicht. Doris streichelt über mein Haar. Ich habe nicht bemerkt, dass sie wieder zurückgekommen ist.
Ich wische die Tränen ab. „Wollen wir noch meine Oma besuchen? Die macht uns bestimmt Schmalzstullen. Die schmecken prima.”
„Ja, klar”, sagt Doris.
„Und vielleicht kocht sie uns auch einen Kakao.”
„Ich liebe Kakao!” Doris leckt sich die Lippen.
Mir läuft es plötzlich eiskalt den Rücken runter.
„Oh, Scheiße!”, schreie ich. „Der Rotkohl! Ich hab den Herd angelassen. Ich muss sofort nach Hause!”
Wir rennen zur Bushaltestelle. Es dauert eine Ewigkeit, bis der Bus kommt. Hoffentlich kommen wir noch rechtzeitig zu Hause an. Es ist, als würde der Bus in Zeitlupe fahren. Will der blöde Fahrer mich ärgern? Hoffentlich brennt die Wohnung nicht!

Endlich…Wir rennen die Straße entlang, hasten keuchend die Treppe rauf. Mir zittert die Hand, als ich die Tür aufschließen will und der Schlüssel fällt runter. Doris hebt ihn auf und öffnet die Tür. Ich stürze in die völlig verqualmte Küche; Rauch brennt in meinem Hals. Ich schnappe mir eine Tasse, fülle sie mit Wasser und schütte es in die Auflaufform mit dem jetzt schwarzen Rotkohl. Es gibt einen lauten Knall, die Form zerbricht in zwei Teile. Doris schreit. Ich stehe wie gelähmt da und starre auf die Reste des Rotkohls, die sich in der ganzen Küche verteilt haben. Oh Gott, das darf nicht wahr sein!
Doris greift meinen Arm und schüttelt mich. „Was machen wir denn jetzt?”, jammert sie.
„Ich – ich weiß nicht. Du gehst jetzt besser nach Hause. Mein Vater kommt gleich.”
Ich öffne die Fenster und versuche die Küche aufzuräumen. Mir fließen die Tränen über das Gesicht. Diese blöde Auflaufform. Was wird mein Vater sagen – wie wird er mich bestrafen? Ich wische den Rotkohl von den Fliesen und spüle den Lappen aus.
Plötzlich spüre ich eine Hand in meinem Nacken. Ich habe ihn nicht kommen hören. Meinen Vater zerrt mich zum Herd.
„Was ist das?“, fragt er und drückt mein Gesicht in die zerbrochene Form.
„ Der Rotkohl…Es tut mir leid! Die ist kaputt gegangen, als ich Wasser rein gegossen habe.“
„Wieso hast du Wasser rein gegossen?”
„Der Rotkohl ist angebrannt.“
„Und warum ist der Rotkohl angebrannt?“
„Ich war auf dem Friedhof.”
„Und wer hat dir das erlaubt? Du solltest Essen machen und dich nicht in der Gegend rumtreiben!”
„Ich habe mich nicht rumgetrieben. Ich war mit Doris …“
„Wie oft habe ich dir gesagt, dass du dich nicht mit ihr treffen sollst!”, unterbricht er mich.
„Sie ist aber meine Freundin.”
„Ihre Eltern sind nicht sauber.”
„Das ist nicht wahr!”, schreie ich ihn an.
„Wie kannst du es wagen, mich so anzuschreien.”
„Immer mache ich alles falsch. Nie kann ich dir was recht machen.”
„Hör auf zu schreien!”
„Alles verbietest du mir!”
Ich drehe mich um und will aus der Küche gehen.
Er greift meinen Arm und zerrt mich zurück. „Du räumst erst auf!”
„Lass mich in Ruhe!”
Er haut mir eine runter, reißt die Besenkammer auf, schubst mich rein, knallt die Tür zu.
„Das soll dir eine Lehre sein!”, brüllt er. „Und die Auflaufform stotterst du von deinem Taschengeld ab!“
Dann ist es still – totenstill. Und finster ist es. Ich atme die Dunkelheit. Was passiert wenn die Luft alle ist? Werde ich sterben? Ich ersticke! Ich kriege keine Luft! Ich will schreien, aber meine Kehle ist wie zugeschnürt. Ich hämmer mit der Faust an die Tür. Mein Vater tritt von außen dagegen.
Ich zittere am ganzen Körper und kann nur noch wimmern. Aber da ist auf einmal ein Geräusch. Jemand schreit. Meine Schwester? Ja, meine Schwester schreit.
Das Schreien hört nicht auf und plötzlich öffnet sich die Tür. Meine Schwester steht vor mir mit verheultem Gesicht. Papa steht hinter ihr.
Ich sehe ihn an und sage ganz ruhig: „Wenn du mich noch einmal in die Besenkammer sperrst, dann springe ich aus dem Fenster.”
Der Blick meines Vaters ändert sich von Wut und Hass in Entsetzen.

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