10. Scham und Angst

Am Anfang habe ich gehofft, dass er nicht mehr so streng zu mir ist. Aber genau das Gegenteil ist eingetreten. Wegen jeder Kleinigkeit, ja manchmal sogar ohne erkennbaren Grund, verprügelt er mich.

Meistens schlägt er mich mit dem Gürtel. Die Gürtelschnalle hinterlässt häufig blaue Flecke und ab und zu platzt die Haut auf. Deshalb kann ich oft nicht zum Sportunterricht gehen. In der Schule bemerkt es keiner, weil Papa mir immer einen Entschuldigungszettel schreibt.
Ich kann nicht verstehen, warum Mama nicht mitbekommt, dass ich mich verändert habe. Ich bin nicht mehr so unbeschwert wie früher, rede wenig, und wenn, dann mit leiser Stimme. Aber, Mama hat ja auch kaum Zeit für uns. In der Gaststätte muss sie meist abends arbeiten und kommt deshalb oft erst spät in der Nacht nach Hause. Tagsüber schläft sie dann.
Aus Angst vor den Drohungen meines Vaters und aus Scham spreche ich mit keinem Menschen über das, was er mit mir macht.
Er sagt mir immer, was ich zu machen und zu lassen habe und auch welche Bücher ich lesen soll. Er bringt mir das Wäsche waschen bei und wie man kocht. Manchmal spielt er mit mir Schach. Am Vormittag gehe ich zur Schule und am Nachmittag arbeite ich im Haushalt. Fast schon wie Mama.
Aber in der Nacht wartet er oft bis meine Schwester eingeschlafen ist um mich aus dem Kinderzimmer zu holen. Dann macht er mit mir das, was ich keinem erzählen darf.
Zwischendurch bekomme ich immer wieder Schläge, die ich mit der Zeit einfach so hinnehme. Und eines Tages mache ich keine Abwehrbewegung mehr, als er auf mich einschlägt, sondern ich blicke ihm ruhig in die Augen. Das irritiert ihn völlig. Aber plötzlich sagt er ganz ruhig: „Du genießt es wohl, wenn ich dich schlage?“
Ich antworte nicht.
Zuerst erscheint er mir für einen Moment hilflos, aber plötzlich ist ein gefährliches Lodern in seinen Augen. „Gut Friederike. Du sollst deinen Spaß haben“, faucht er und dann prügelt brutal auf mich ein.
Erst als mir das Blut aus der Nase läuft hört er auf. Ich weine nicht. Irgendwie habe ich, trotz der Schmerzen, ein Triumphgefühl. Ich fühle mich stark, ihm überlegen.
Und von da an mache ich es fast immer so. Ich starre ihm in die Augen, wenn er mich schlägt.

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