Es ist wieder richtig kalt geworden. Der Wind pfeift durch unsere Straße und ich ziehe meinen Schal fester. Die Osterferien sind vorbei, und heute werde ich Doris wieder sehen. Meine liebste beste Freundin. Ich freue mich schon ganz doll. Denn jetzt habe ich endlich jemanden, dem ich alles erzählen kann.
Ich sehe Doris schon von weitem. Sie wartet an der Straßenecke auf mich und ist ganz aufgeregt.
Ohne mich zu umarmen redet sie sofort los: “Stell dir mal vor; die Christine aus der sechsten. Weißt du wen ich meine?”
“Nein, ich weiß nicht, wen du meinst.”
“Na, die mit den langen, roten Haaren. Die zwei Aufgänge neben mir wohnt. Weißt du es jetzt?”
“Meinst du die mit den Locken, die immer so ruhig ist?”
“Genau die! Und jetzt pass auf:” Doris legt ihre Hand an den Mund. “Die kriegt ein Baby von ihrem Vater.”
Der Atem stockt mir. “V-Von ihrem Vater!”
“Wo ich es dir doch sage. Von ihrem eigenen Vater! Kannst du dir das vorstellen? ”
“W-Woher weißt du das? Wer hat dir das erzählt?”
“Die Schrödern hat das meiner Mutter erzählt. Die hat gesagt, dass Christine ein Flittchen ist und sie ihren Vater verführt hat, weil sie frühreif ist. Christine und ihr Vater! Igittigitt! Wie konnte die sowas nur machen? Ihren eigenen Vater verführen! Das ist ja total eklig.”
Meine Hände verkrampfen, ich bekomme kaum noch Luft. “Aber, aber…”
“Was hast du Friederike?”
“Ach nichts!” Meine Stimme klingt ganz dünn und hoch. Ich atme tief durch. “Vielleicht ist es genau andersrum. Vielleicht war es ja der Vater, der Christine verführt hat.”
“Das hat meine Mama auch gesagt. Doch die Schrödern meint, dass es immer die Weiber sind, die die Männer verführen. Erst machen die den Männern schöne Augen, schmusen und kuscheln mit ihnen rum und dann passiert es eben, dass sie im Bett landen. Und wenn die dann ein Kind kriegt, ist das Geschrei groß. Na, ich werde jedenfalls meinem Vater keine schönen Augen machen”, sagt Doris voller Überzeugung.
Ich beiße mir auf die Lippen. Mein Herz rast wie wild.

