Es beginnt zu dämmern, als ich die Stadt erreiche. Den ganzen Tag habe ich nichts gegessen. Ich habe Hunger und Durst. Die Stadt ist so groß. Es gibt so viele Menschen und ich bin allein. Ich setze mich auf eine Parkbank. Was soll ich nur machen? Am besten wäre es, zu sterben. Wie soll es bloß weitergehen? Ich heule.
Ein Mann im Jogginganzug bleibt stehen und fragt mich: „Warum weinst du? Kann ich dir helfen?“
Ich weiß nicht, was ich ihm sagen soll und fange stärker an zu weinen. Er versucht mich zu beruhigen. Endlich habe ich mir etwas ausgedacht. Ich erzähle ihm, dass ich meine Tante besuchen will und sie nicht zu Hause ist. Sicher hat sie mein Telegramm nicht erhalten. Nun weiß sie nicht, dass ich in Berlin bin. Deshalb habe ich auch keine Ahnung wo ich schlafen kann.
„Mach dir keine Gedanken. Du kannst mit zu uns kommen. Meine Freundin freut sich immer über Besuch. Wie alt bist du eigentlich eigentlich? Hast du keine Schule?“, fragt er.
“Ich bin in der 10. Klasse und meine Prüfungen sind schon abgeschlossen.”
Ich weiß nicht, ob er mir glaubt, aber er nimmt mich mit. Unterwegs erzählt er mir, dass er Sportlehrer ist und mit seiner Freundin in einer kleinen 2-Zimmer-Wohnung wohnt. Seine Freundin studiert noch, aber wenn sie mit dem Studium fertig ist, wollen sie endlich heiraten.
In seiner Wohnung werden wir von seiner Freundin liebevoll begrüßt. Sie macht Abendessen für uns und danach spielen wir Mensch-ärgere-dich-nicht.
Als es Zeit ist zu schlafen, macht sie mir ein Bett im Wohnzimmer zurecht. Lange liege ich wach und denke über die beiden nach. Noch nie habe ich zwei Menschen getroffen, die sich so gut verstehen und ich wünsche mir, dass ich auch mal einen so netten Mann finde und dann eine richtige Familie habe. Ich kuschel mich ein. Durch das Licht der Straßenlaternen ist es nicht richtig dunkel im Zimmer.
Auf einmal steht mein Vater dem Bett mit seinem Gürtel in der Hand. Er wird immer größer. Seine Augen leuchten rot und sein stinkender glühender Atem streift meinen Körper.
Ganz leise sagt er: „Was habe ich dir gesagt! Du hast Stubenarrest. Du weißt, was passiert, wenn du nicht machst, was ich sage.“
Sein Gesicht verzieht sich zu einer fiesen Grimasse. Und dann schlägt er zu. Ich versuche, mein Gesicht zu schützen. Von den Schlägen wird mein Körper heißer und heißer. Endlich kann ich schreien. Ich schreie, weine und flehe ihn an. Plötzlich packt er mich an den Armen und schüttelt mich. Ich werde wach.
Wo bin ich? Ich sehe einen Mann und eine Frau vor mir. Endlich erkenne ich sie. Mein Körper glüht. Sabine läuft hinaus, holt ein nasses Handtuch. Sie legt es mir auf die Stirn. Die Kühle ist angenehm.
“Ich koche einen Tee”, sagt Sabine.
“Ich helfe dir”, sagt Jürgen.
Beide verschwinden in der Küche.
Ich bin völlig durcheinander. Was passiert hier.
Mit einer Teekanne in der Hand kommt Sabine in das Zimmer. Jürgen folgt ihr mit drei Tassen.
Sabine gießt ein. “Möchtest du Zucker?”
Ich schüttel den Kopf. Wir trinken Tee. Beide sitzen mir mit sehr ernsten Gesichtern gegenüber.
Jürgen sieht mich an. „Bist du von zu Hause abgehauen?“
Erschrocken sehe ich ihn an, unfähig zu antworten. Es ist totenstill im Raum und ich glaube, dass sie mein Herz schlagen hören können.
„Weißt du, was ich glaube? Dein Vater hat dir etwas angetan“, sagt Jürgen.
Tränen schießen mir in die Augen.
„Nein! Das ist nicht wahr!“
Sabine nimmt mich in den Arm. Geduldig streichelt sie mich, bis ich etwas ruhiger werde.
„So ein Schwein!“, stößt Jürgen voller Wut hervor. „Wie kann ein Vater sein eigenes Kind missbrauchen.“
Sanft drängt mich Sabine, alles zu erzählen. Stockend berichte ich, was vorgefallen war. Dann ist wieder Stille im Raum.
Lange ist diese Stille.
Sabine sieht Jürgen fragend an: „Was können wir tun?“
„Wir müssen die Polizei benachrichtigen“, meint er.
„Nein, nicht die Polizei! Er schlägt mich tot, wenn er erfährt, dass ich es jemandem erzählt habe.“
„Was denkst du denn, wie es weitergehen soll? Du musst doch irgendwo hin. Wo willst du denn bleiben?“, sagt Jürgen.
Beide versuchen mir klar zu machen, dass der Weg zur Polizei der einzig richtige ist. Und dann geht Sabine telefonieren. Eine halbe Stunde später ist die Polizei da. Sie nehmen mich mit auf das Revier. Es ist mitten in der Nacht.

