22. Durchgangsheim

Ich bin völlig durchgefroren, als mich zwei Polizisten aus der Zelle holen. Der jüngere von den beiden legt mir Handschellen an.


Am Polizeiauto öffnet der Ältere die Tür und sagt: „Wir fahren zum Durchgangsheim.“
Zusammengekauert sitze ich in der Ecke des Fahrzeuges. Ich habe keine Tränen mehr. Der eine Polizist versucht mit mir zu sprechen. Ich sehe ihn nur an, ohne ein Wort zu verstehen. Als wir beim Heim auf einer Halbinsel ankommen, weist er den Fahrer an, zum Ufer zu fahren. Wir steigen aus.
„Komm mit“, sagt der Polizist und geht in Richtung Ufer.
Hinter den Bäumen, auf der anderen Seite, geht blutrot die Sonne auf.
Ich zucke zusammen, als der Polizist den Arm um mich legt und sagt: „So wirst du die Sonne nie wieder aufgehen sehen. Wer einmal in dieses Heim kommt, dessen Weg ist vorgezeichnet. Ich habe schon viele hergebracht, kenne aber keinen, der es geschafft hat, aus diesem Teufelskreis wieder raus zu kommen.“
Ich starre in die aufgehende Sonne bis mir die Tränen übers Gesicht laufen und ich geblendet wegsehen muss.

Das rote Backsteinhaus, vor dem wir stehen, ist riesengroß. Es sieht aus wie eine Fabrik. Die Fenster sind vergittert.
Ein dünner Mann öffnet das Tor. „Morgen, Rumtreiberin?“, fragt er.
„Guten Morgen. Ja, sie ist von zu Hause abgehauen, nachdem sie vom Vater…“
„Ja, ja, das kenn ich schon“, winkt der Mann ab. „Sie sind alle vergewaltigt worden.“
Der junge Polizist nimmt mir die Handschellen ab. „Na dann, viel Spaß“, sagt er, dreht sich um und geht raus.
Ich zucke zusammen als die Tür krachend ins Schloss fällt. Kurz darauf folgt das knarrende Geräusch eines sich drehenden Schlüssels.
Der Mann blickt auf die Papiere, die er von dem Polizisten bekommen hatte.
„So, du bist also Friederike Pauls. Damit wir uns gleich richtig verstehen; du folgst allen Anweisungen. Solltest du dich widersetzen, wirst du die Folgen dafür tragen. Hast du mich verstanden?“
Ich nicke nur. Der Mann sieht fast aus wie mein Vater. Genau so dünn.
„Los, geh die Treppe rauf“, sagt der Mann.
Mit gesenktem Kopf laufe ich los. Der rotbraune Fußboden glänzt und im Treppenhaus riecht es nach Bohnerwachs. Oben muss ich vor einer Tür stehen bleiben. Er schließt sie auf und schiebt mich in einen Duschraum.
„Zieh dich aus“, sagt er. „Deine Sachen legst du da auf die Bank.“
Ich stehe ganz still und rühre mich nicht.
„Worauf wartest du?“, die Stimme des Mannes ist jetzt schärfer.
„Darauf, dass Sie raus gehen.“
„Ich gehe nicht raus.“
„Und ich ziehe mich nicht aus.“
„Gut, wie du willst“, sagt er ruhig.
Er schnappt sich meinen Arm, zieht mich aus dem Duschraum, schließt die Tür ab, zerrt mich die Treppe runter bis in den Keller, öffnet dort eine Tür, schubst mich in den Raum rein und knallt die Tür zu. Langsam verebbt der Widerhall. Es ist finster hier, nur ganz oben an der einen Wand kommt ein bisschen Licht durch einen kleinen Spalt. Der Raum ist bis auf einem Eimer neben der Tür leer. Es stinkt bestialisch. Ich bekomme kaum Luft. Mir ist so schlecht. Ich glaube, ich muss mich gleich übergeben. Ich lehne mich an die Wand. Sie ist rau und der Putz bröckelt. Es ist totenstill. Nur in meinem Kopf höre ich eine Stimme flüstern; ich will raus. Ich will hier raus. Die Stimme wird immer lauter. Ich will hier raus.
Und nun kann ich es schreien; „Ich will hier raus.“
Ich trommle mit den Fäusten an die Tür.
„Lasst mich hier raus.“
Ich trommle und trommle, aber keiner reagiert. Ich rutsche an der Wand runter, umschlinge meine Beine und lege den Kopf auf meine zitternden Knie.
Endlich öffnet sich die Tür.
„Na, wollen wir uns jetzt ausziehen?“, fragt der Mann.
Ich nicke stumm. Was bleibt mir weiter übrig? Ich will nur aus diesem Keller raus.
Im Duschraum drehe ich dem Mann den Rücken zu und ziehe ich mich bis auf den Schlüpfer aus. Ich halte die Hände vor meine Brust und will mich an ihm zu den Duschen vorbeischleichen. Er hält mich fest.
„Alles“, sagt er. „Alles ausziehen.“
„Muss das sein?“
„Ich kann dich auch wieder runter bringen.“
Am liebsten würde ich ihm sonst wo hintreten. Aber ich beiße mir auf die Lippen, ziehe mir den Schlüpfer aus und gehe unter die Dusche. Ich seife meinen Körper ein und rubble ganz doll. Aber, das warme Wasser, das über mich fließt kann den ganzen Dreck von den Worten und Blicken nicht wegspülen.
„Beeil dich“, schnauzt der Mann mich an.
Ich trete aus der Dusche, bedecke mit meinen Händen und Armen, was er nicht sehen soll, gehe zur Bank, drehe ihm den Rücken zu und trockne mich ab.
Als ich meine Sachen greifen will, um mich anzuziehen, sagt er: „Lass das. Ich werde dich erst auf Läuse und Krätze untersuchen. Danach kannst du dich anziehen.“
Er tritt hinter mich, greift mir ins Haar und durchwühlt es. Ich glaube mein Herz bleibt stehen.
„Leg dich auf die Bank“, sagt er.
Ich kann mich nicht bewegen.
„Hörst du schwer?“
Ich gehorche.
„Zeig deine Hände.“
Er betrachtet alles ganz genau, fängt zwischen den Fingern an und endet zwischen meinen Beinen. Zitternd, nicht nur vor Kälte, lasse ich die Untersuchung über mich ergehen.
Endlich kann ich mich anziehen.
Plötzlich höre ich, wie sich hinter mir die Tür öffnet und eine Frauenstimme: „Guten Morgen“, sagt.
„Guten Morgen“, sagt der Mann. „Gut, dass Sie da sind. Das ist Friederike Pauls. Eine Rumtreiberin.“
Er verlässt den Raum. Die Frau nimmt die Papiere von der Bank, schaut kurz rein und sagt: „Komm mit Friederike.“
Es geht wieder durch den Flur und wieder muss ich vor einer Tür stehen bleiben.
Die Frau schließt auf: „Geh rein und such dir ein leeres Bett.“
Eng gedrängt stehen viele Doppelstockbetten, aus denen Kinder, erschreckt durch die lauten Geräusche, verschlafen ihre Köpfe rausstrecken. Das Zimmer ist kahl und trostlos. Nicht ein Bild ist an den Wänden. Wie tote Augen starren die vergitterten Fenster mich an. Keine Gardinen, keine Farbe an den Wänden. Der Raum wirkt genauso hoffnungslos wie die Kinder, die langsam aus ihren Betten krabbeln und mich umringen. Auf ihre Fragen habe ich keine Antworten.

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