21. Polizei Berlin

Sabine und Jürgen sind gegangen. Der Raum in dem sie mich zurückgelassen haben ist kahl und genauso kalt wie das Neonlicht. An einer Wand sind drei Regale mit Aktenordnern und an der anderen hängt ein Bild von Walter Ulbricht.


Graugelbe Gardinen lassen an zwei schmutzig vergitterten Fenstern, ihre Flügel hängen.
Ich sitze, den Kopf auf die Hände gestützt, an einem großen Holztisch, auf dem ein schwarzes Telefon und eine schwarze Lampe stehen und starre vor mich hin.
Ich habe nicht mitbekommen, dass jemand den Raum betreten hat. Eine Hand legt sich auf meine Schulter. Mir läuft es eiskalt den Rücken runter.
„Wie geht es dir?“, fragt ein Mann.
Ich zucke mit den Schulter. Er streichelt mein Haar. Ich werde ganz steif. Ich will nicht, dass er mich anfasst.
„So, dann erzähl mal“, säuselt er und berührt mich weiter.
„Bitte nicht“, sage ich und ziehe meinen Kopf weg.
„Hab dich nicht so. Ich weiß gar nicht, was du hast.“ Er lehnt seinen Kopf an meinen und der Geruch eines vollen Aschenbechers zieht mir in die Nase.
„Lassen sie das. Bitte!“
„Ich tu dir doch nichts“, lacht er und streichelt mich wieder.
„Und redet sie schon?“, fragt auf einmal eine andere Stimme.
Ein Polizist geht am Tisch vorbei und setzt sich auf den Stuhl mir gegenüber.
Nun stellt sich der andere, ein dicker Mann in Uniform, neben mich.
„Nee noch nicht“, sagt er. „Aber, das wird sie noch.“
„Na dann mach mal.“
Der Ton des Dicken hat sich verändert.
„Du sollst also im Traum geschrien haben, dass dein Vater dich gefickt hat. Wie hat er das denn gemacht?“, fragt er.
Mit gesenktem Kopf schweige ich. Meine Finger zeichnen die Maserung auf dem Holztisch nach. Immer und immer wieder die gleichen Striche und Kurven.
„Ach, das Fräulein will nicht mit mir sprechen“, sagt er zynisch und beugt sich über mich. „Weißt du eigentlich, dass ich dir nicht glaube. Ich glaube eher, dass du das alles nur erfunden hast. Wahrscheinlich hast du die Schule geschwänzt und dann bist du abgehauen.“
Seine Hand legt sich wieder auf meiner Schulter und völlig unerwartet dreht er den Stuhl mit einem Ruck zu sich rum.
Er schüttelt mich und brüllt: “Ist das so!?“
Ich habe das Jackett vor der Nase, das sich über seinen dicken Bauch spannt und kaum die Kaffeeflecken auf seinem Hemd verdecken kann. Es riecht muffig.
“Rede endlich mit mir!“, schreit er, greift mir in die Haare und dreht meinen Kopf nach oben.
„Ich will nicht darüber sprechen“, sage ich und blicke an ihm vorbei zu den zwei Blumentöpfen auf dem Fensterbrett. Die Pflanzen sind braun, vollkommen vertrocknet.
„Wenn du nicht reden willst, sperren wir dich so lange in eine Zelle, bis du zur Vernunft gekommen bist. Also rede! Wie hat er es dir besorgt? Hat er dich von hinten genommen?“
Ich blicke kurz hoch.
Sein Kopf ist knallrot. Schweiß läuft ihm über das Gesicht. Seine Glatze, die er versucht hat mit ein paar Haarsträhnen zu kaschieren, glänzt.
Ich senke meinen Kopf wieder.
„Lampe an!“, ruft er dem anderen Polizisten zu.
Der reagiert sofort und wendet den Lampenschirm in meine Richtung. Der Dicke greift in meinen Nacken und dreht mein Gesicht ins Licht. Geblendet schließe ich die Augen.
„Was hat denn dein Vater angeblich mit dir gemacht?“, fragt er auf einmal ganz ruhig.
Ich schweige.
„Hattest du seinen Schwanz im Mund?“
Ich zucke zusammen. Der andere Polizist lacht. Jetzt scheint es dem Dicken Spaß zu machen.
„Und hat er dich in den Arsch gefickt?“
Er spuckt die Worte durch seine angefaulten Zähne in mein Gesicht.
Ich halte mir die Ohren zu. Er reißt meine Hände runter.
„Du weißt, dass wir dich einsperren, wenn du nichts sagst. Und du wirst reden. Auch wenn es die ganze Nacht dauert. Wir haben Zeit.“
Er lässt meine Hände los.
„So jetzt nochmal von vorn“, er lacht widerlich. „Von vorn! Von vorn! Hat er es dir von vorn gemacht?“
Sein Gesicht rückt näher. Wieder das eklige Lachen von dem anderen Polizisten.
„Ich bin müde“, sage ich.
„Ja, wenn du alles erzählt hast, kannst du dich hinlegen.“
Ich zeichne weiter schweigend die Linien auf dem Tisch nach.
„Na gut, wie du willst. Du kannst ruhig schweige. Wir werden dich nach Hause bringen. Ich bin schon gespannt, was dein Vater sagen wird.“
Panik schießt durch meinen Körper. Meine Kehle schnürt sich zusammen. Ich bekomme kaum Luft.
„Und wenn ich alles erzähle? Muss ich dann auch nach Hause?“, stotter ich.
„Nein, brauchst nicht. Wir werden dir helfen. Du kannst dann in ein Wohnheim.“
Ich halte mich an meinen Händen fest und fange an zu erzählen.
Immer wieder stellt er die gleichen Fragen und tut so, als wenn er mir kein Wort glaubt.
Er stinkt so. Und wie mich alle ansehen! Als wäre ich nackt. Es ist denen egal, dass ich mich schäme. Ich glaube, das erhöht noch den Reiz. Und immer dieses Fragen. Wann, wo und wie es mein Vater mit mir gemacht hat. Bis in das kleinste Detail wollen sie alles wissen. Ich will nicht antworten. Sie drohen mir, mich nach Hause zu bringen. Ich möchte am liebsten im Erdboden versinken. Ich kann nicht mehr. Sie setzen ein Protokoll auf. Ich muss es unterschreiben.
„Bringt sie in die Zelle“, sagt der Dicke.

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